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Niederrheinisch
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Niederrheinisch ist ein weitumfassender Sammelbegriff fĂŒr die Mundarten des Niederrheins. Mit Niederrheinisch (oder niederrheinischem Platt) werden daher die in der Gegend um DĂŒsseldorf ursprĂŒnglich gesprochenen niederfrĂ€nkischen Dialekte bezeichnet, KleverlĂ€ndisch und SĂŒdniederfrĂ€nkisch. Diese historischen Dialekte werden von den modernen hochdeutschen Regiolekten unterschieden. Letztere werden als „niederrheinisches Deutsch“ bezeichnet.

„Die Dialekte NRWs gliedern sich mit Hilfe der Benrather Linie und der Einheitsplurallinie in drei SprachrĂ€ume: WestfĂ€lisch (Essen, Bocholt, Dortmund), NiederfrĂ€nkisch (Kleve, Duisburg, DĂŒsseldorf) und Mitteldeutsch (Köln, Aachen, Siegburg). Essen grenzt an das NiederfrĂ€nkische bzw. Ostbergische.“cite-ref-1[1]

„Die Benrather Linie trennt den niederfrĂ€nkischen vom mittelfrĂ€nkischen Sprachraum [
]. Das NiederfrĂ€nkische gliedert sich wiederum in drei Areale, fĂŒr die sich die Begriffe KleverlĂ€ndisch, SĂŒdniederfrĂ€nkisch und Ostbergisch anbieten.“cite-ref-2[2] DĂŒsseldorfer Platt hat Ähnlichkeiten zu den NiederlĂ€ndischen Mundarten von Venlo bis Nijmegen, ebenso wie zu den Dialekten die rechtsrheinisch von Emmerich ĂŒber Wesel und Dinslaken bis Duisburg gesprochen werden. Die am Niederrhein gesprochenen Mundarten wurden aber nicht verdrĂ€ngt und werden (wie die niederlĂ€ndische Sprache und ihre Mundarten) zum NiederfrĂ€nkischen eingeteilt.

Die nördlichen Dialekte werden, obwohl sie Standarddeutsch als Dachsprache benutzen, auch von deutschen Sprachforschern zum NiederlĂ€ndischen gerechnet.cite-ref-3[3] Die Mundart ist im SĂŒden durch die Benrather Linie begrenzt, die die Ausbreitung der hochdeutschen Lautverschiebung kennzeichnet. Nördlich dieser Linie sagen der Mundart treugebliebene Einheimische maken statt machen. SĂŒdlich der Benrather Linie folgt das ripuarische Sprachgebiet; dort heißt es maache statt machen. Darin zeigt sich eine etwas grĂ¶ĂŸere NĂ€he zu sĂŒdlicheren Dialekten, dem Ripuarischen und auch zur hochdeutschen Standardsprache.

Es gibt Bedenken, ob diese Dialekte unter niederrheinisch zusammengefasst werden können.

Contents

‱ Geschichte
‱ Gliederung
‱ Zuordnung
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Begriff „Niederrhein“

Mit Niederrhein ist die an die Niederlande und an Westfalen grenzende Region im Westen des Landes Nordrhein-Westfalen gemeint – etwa zwischen Emmerich/Kleve und DĂŒsseldorf/Mönchengladbach – sich links und rechts der Rheinschiene erstreckend.cite-ref-4[4]

Am ehesten lĂ€sst sich das Niederrheingebiet als das Land kennzeichnen, dessen Bewohner die niederfrĂ€nkischen (niederrheinischen) Mundarten sprechen. Teile des Niederrheins ĂŒberlagern sich mit dem heutigen Ruhrgebiet, so Duisburg, Oberhausen oder MĂŒlheim an der Ruhr, wo allerdings auch niederrheinisch-niederfrĂ€nkische Mundarten gesprochen werden. Die Region ist zu unterscheiden von dem ebenfalls als „Niederrhein“ bezeichneten Rheinabschnitt, der bereits weiter sĂŒdöstlich an der SiegmĂŒndung im ripuarischen Mundartraum beginnt.

Herkunft aus dem AltfrÀnkischen

→

Hauptartikel

:

AltfrÀnkische Sprache

Die in Deutschland gesprochene Variante des auch in den Niederlanden vorkommenden NiederfrĂ€nkischen basiert auf den Sprachen der frĂŒhen Franken. Diese expandierten vom Niederrhein ausgehend ab dem 3. Jahrhundert nach SĂŒden und Westen in die zum Teil von Römern und Galloromanen besiedelten Gebiete. Zu diesem Zeitpunkt siedelten im Raum zwischen Xanten und Krefeld u. a. die germanischen UnterstĂ€mme der Sugambrer und Cugerner, die im Großstamm der Salfranken aufgingen.cite-ref-7[7] Die Salfranken (bzw. Salier) breiteten sich vom Niederrhein ĂŒber die Niederlande und Belgien bis ins heutige Frankreich aus. Der zweite frĂ€nkische Hauptstamm, die Rheinfranken wanderte dagegen sĂŒdwĂ€rts ĂŒber Köln ins Rhein-Moselgebiet und machte Köln zu seiner Residenzstadt. Im Jahre 509 wurden beide Frankenvölker unter dem Merowingerkönig Chlodwig I. vereinigt, der als erster BegrĂŒnder eines Gesamt-Frankenreiches gilt.cite-ref-8[8]

Geschichte

Dass das Niederrheinische einen Übergangscharakter hat, zeigen seine sĂŒdlichen Dialekte, die wie die sĂŒdöstlichen niederlĂ€ndischen Dialekte (Limburgisch) zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem Mitteldeutsch-Ripuarischen aufweisen. Sie befinden sich allesamt zwischen der Benrather und der Uerdinger Linie, die im 15./16. Jahrhundert als sprachliche Ausgleichslinie entstand und Folge der sogenannten Kölner Expansion war. Das bedeutet, dass in den sĂŒdlichen niederrheinischen Dialekten maken statt machen vorherrscht, doch in der 1. Person Singular anstelle des zu erwartenden ik oder ek die scheinbar lautverschobenen Formen ech und ich verwendet werden, die vielerorts /eʃ/ oder /əʃ/ bzw. /iʃ/ ausgesprochen werden. Die EinschrĂ€nkung „scheinbar“, mit dem vorheriges ĂŒber das Personalpronomen 1. Person Singular eingeleitet wurde, ist sprachhistorisch berechtigt, da die in den sĂŒdlichen Dialekten des Niederrheinischen vorkommenden „lautverschobenen Formen“ im Grunde keine darstellen. Sie sind kein Ergebnis der hochdeutschen Lautverschiebung, sondern das Ergebnis sprachlicher Anpassung infolge der Kölner Expansion, d. h., eine Übernahme sĂŒdlicherer Formen.cite-ref-9[9]

Erst die Schriftdokumente aus dem 14. bis 16. Jahrhundert sind fĂŒr heutige Leser dem Sinne nach eher verstĂ€ndlich. Im deutsch-niederlĂ€ndischen Rhein-Maas-Dreieck hatte sich zu dieser Zeit eine Schrift- und Kanzleisprache herausgebildet, die das bislang fĂŒr schriftliche Erlasse vorrangig verwendete Latein ablöste: Rhein-MaaslĂ€ndisch.cite-ref-atlas-10-0[10]

Mihm kreierte 1992 den Begriff „Rhein-MaaslĂ€ndisch“ fĂŒr die mittelalterlichen Schreibsprachen der StĂ€dte im Rhein-Maas-Delta.cite-ref-11[11] Um die mittelalterlichen Schreibsprachen des Rhein-Maas-Deltas und des Niederrheins sowie des angrenzenden WestfĂ€lischen einheitlich (und wertneutral) in der Germanistik bearbeiten zu können, fĂŒhrte der Germanist Arend Mihm 1992 zum einen den Begriff RheinmaaslĂ€ndisch, der das NiederfrĂ€nkische im deutsch-niederlĂ€ndischen Grenzgebiet umfasst, und zum anderen den Begriff IjssellĂ€ndisch, der das NiedersĂ€chsische im deutsch-niederlĂ€ndischen Grenzraum umfasst, ein. Denn er hatte wie viele seiner Kollegen nach ihm erkannt, dass sich die direkte Einordnung des Niederrheinischen ins Niederdeutsche aus sprachhistorischen und -typologischen GrĂŒnden verbietet.

Hier ein Beispiel aus dieser Periode, ein im Jahre 1517 vom Duisburger Johanniterkaplan Johann Wassenberch festgehaltener „Wetterbericht“ :cite-ref-12[12]

„In den selven jair op den XVden (15ten) dach yn den Aprijl, ende was doe des goedesdachs (Wodans Tag=Mittwoch) nae Paischen (Passah, Paschah = Ostern), van den goedesdach op den donredach (Donars Tag = Donnerstag) yn der nacht, wastz soe calt, dat alle vruchten van allen boemen, van eyckelen, van noethen, van kyrssen, van proemen (Pflaumen), van appelen etc. neyt uytgescheyden (nichts ausgenommen) vervroren ende verdorven (erfroren und verdorben) , want sy stoenden yn oeren voellen blomen (voller BlĂŒte). Item (alldieweil) alle die vynstocken vervroren ende verdorven, off (oder) sy verbrant gewest weren. Ende (und) dair geschach groeten verderflicke (verderblicher) schade.“

Der vorstehende Textauszug lĂ€sst unschwer eine gewisse „NĂ€he“ des „RheinmaaslĂ€ndischen“ zum heutigen NiederlĂ€ndischen wie zu dem am deutschen Niederrhein gesprochenen niederrheinischen Platt erkennen.

Im Hochmittelalter und der FrĂŒhen Neuzeit, d. h. zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert, war es am Niederrhein ĂŒblich, dass Dokumente und VertrĂ€ge in der jeweiligen Ortsmundart wie dem kleverischen Platt (KleverlĂ€ndisch) abgefasst wurden. Diese Ortsdialekte, die eine Fortsetzung der mittelniederlĂ€ndischen Schrifttradition darstellten,cite-ref-13[13] standen zudem in einem engen Schreibsprachen- und Dialektkontinuum mit den angrenzenden Dialekten des NiedersĂ€chsischen wie dem WestmĂŒnsterlĂ€ndischen, sodass die einzelnen SchriftstĂŒcke nur anhand weniger regionaler Besonderheiten dem jeweiligen Sprachgebiet (NiederfrĂ€nkisch oder Niederdeutsch) zuzuordnen sind.

„Unnötig zu bemerken, daß der Niederrhein im spĂ€ten Mittelalter nicht durch eine ‚Sprach‘-Grenze zerschnitten wurde. Die Frage nach dem ‚NiederlĂ€ndischen am Niederrhein‘ lĂ€ĂŸt sich fĂŒr diesen Zeitraum eigentlich gar nicht stellen, weil im 14. Jahrhundert weder eine niederlĂ€ndische noch eine deutsche Hochsprache existierte. Die niederrheinische VarietĂ€t fĂŒgt sich vielmehr ein in ‚ein Kontinuum miteinander verwandter regionaler Schreibsprachen‘. So ist auch eine eindeutige Bestimmung der Grenze zwischen niederfrĂ€nkischen und niedersĂ€chsischen Dialekten dieser Übergangszone nicht möglich. Bestenfalls lassen sie sich als ‚Mischsprachen‘ charaktersieren, die jeweils Elemente des MittelniederlĂ€ndischen (MNL), Mittelniederdeutschen (MND) und z. T. auch des Mittelhochdeutschen (MHD) in unterschiedlicher Verteilung enthalten.“

–

Brigitte Sternberg

:

FrĂŒhe niederrheinische Urkunden am klevischen Hof.

In: Helga Bister-Broosen (Hrsg.):

NiederlÀndisch am Niederrhein.

S. 57

Aufgrund der Tatsache, dass diese Schriftdokumente sowohl „niederlĂ€ndische“ (= niederrheinische) als auch „(nieder)deutsche“ (= niedersĂ€chsische) Elemente enthalten, wurden die jeweiligen Sprachregionen mitunter als „deutschniederlĂ€ndisch“ zusammengefasst.

Im 17. und 18. Jahrhundert setzte sich am Niederrhein das NeuniederlĂ€ndische als Kultursprache durch (sogenannte NiederlĂ€ndische Expansion), wobei hier vor allem der römisch-katholisch geprĂ€gte linksrheinische Landesteil betroffen war, wĂ€hrend die protestantischen Minderheiten, die vor allem rechtsrheinisch lagen, mehrheitlich das Neuhochdeutsche verwendeten. Vor allem das Herzogtum Kleve galt als zweisprachig. Nach der Schrift sprachen damals nur wenige – dies beschrĂ€nkte sich auf Pastoren und Priester sowie Verwaltungsbeamte und das BildungsbĂŒrgertum. Das einfache Volk sprach weiterhin Platt, und wenn es schriftlich gebildet war, verwendete es ĂŒberwiegend NiederlĂ€ndisch, das seinem Heimatdialekt nĂ€her stand als das Deutsche.cite-ref-14[14]

Im 16. Jahrhundert entwickelten sich in Deutschland und in den Niederlanden eigenstĂ€ndige Schriftsprachen und das RheinmaaslĂ€ndische verlor an Bedeutung. Über einen lĂ€ngeren Zeitraum existierten in manchen StĂ€dten (u. a. in Geldern, Kleve, Wesel, Krefeld, Duisburg) Deutsch und NiederlĂ€ndisch nebeneinander und Erlasse wurden in beiden Schriftsprachen herausgegeben.cite-ref-15[15]cite-ref-atlas-10-1[10]

Ab dem 19. Jahrhundert war die sprachliche Trennung zwischen (deutschem) Niederrhein und (niederlĂ€ndischem) Maasgebiet endgĂŒltig abgeschlossen. Die jeweiligen Hoch- und Schriftsprachen gingen getrennte Wege. Platt als gesprochene Mundart des Niederrheines ĂŒberdauerte aber die neuen Grenzen und hielt sich bis in die Neuzeit.cite-ref-atlas-10-2[10]cite-ref-16[16] Das Ostbergische war auch im 18./19. Jahrhundert nicht, wie das KleverlĂ€ndische, durch das NeuniederlĂ€ndische ĂŒberdacht. Bis ins 19. Jahrhundert war NiederlĂ€ndisch die meist ĂŒbliche Hochsprache am Niederrhein. Nach dem Wiener Kongress Ă€nderte sich diese Situation, als Preußen die relative Toleranz in Sprachfragen, die es noch im 18. Jh. gegenĂŒber der Verwendung des NiederlĂ€ndischen in seinen niederrheinischen Provinzen hatte walten lassen, in einer rigiden aktiven Sprachpolitik umstellt, deren Ziel die vollstĂ€ndige VerdrĂ€ngung des NiederlĂ€ndischen und die Etablierung des Deutschen als alleiniger Standard- und Schriftsprache ist.cite-ref-17[17] So wurde 1827 in Kleve der Gebrauch der niederlĂ€ndischen Sprache in Elementarschule und Kirche verboten.cite-ref-18[18] Mit dem Verlust der letzten öffentlichen DomĂ€nen ist das NiederlĂ€ndische auch aus der privaten Schriftlichkeit (AnschreibebĂŒcher, TagebĂŒcher, Briefe) weitestgehend verschwunden.cite-ref-19[19] Dennoch wurde bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein in den Kirchen nördlich Duisburgs heimlich NiederlĂ€ndisch gesprochen und gelehrt, sodass es um 1900 noch 80.361 niederlĂ€ndischsprachige Einwohner des deutschen Kaiserreiches gab, fast alle beheimatet am Niederrhein.cite-ref-20[20]cite-ref-21[21]

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte es sich allgemein durch, das ehemals „deutschniederlĂ€ndisch“ genannte Gebiet als Nord- und SĂŒdniederfrĂ€nkisch zu bezeichnen, sofern es das Rhein-Maas-Delta und den Niederrhein betraf. Die Niederlandistik begann mit den Begriffen Niederrheinisch (wenn es die niederfrĂ€nkischen Sprachgebiete des Niederrheins betraf) und OstniederlĂ€ndisch (fĂŒr die niedersĂ€chsischen Dialekte der Ostniederlande) zu arbeiten. Seitens der Germanistik war man sich uneinig, ob und wie man das Niederrheinische zum Niederdeutschen rechnen könnte, und viele Germanisten klammerten seine Behandlung daher aus.

„ick“ oder „isch“

Die sogenannte Benrather Linie (auch maache-maake-Linie) grenzt das sĂŒdlich von DĂŒsseldorf gesprochene MittelfrĂ€nkisch (auch Ripuarisch genannt) vom NiederfrĂ€nkischen ab. Daneben gibt es die Uerdinger Linie (auch ek-ech-Grenze), die aus dem Bergischen kommend, ĂŒber den Rhein nördlich von Krefeld weiter ĂŒber Kempen nach Venlo ins NiederlĂ€ndische fĂŒhrt. SĂŒdlich dieser Linie, im SĂŒdniederfrĂ€nkischen, wird das Personalpronomen ich als ech, esch oder isch gesprochen, von DĂŒsseldorf ĂŒber Mönchengladbach bis Krefeld. Nördlich dieser Linie im NordniederfrĂ€nkischen spricht man dagegen bei Verwendung des Dialekts – wie in MĂŒlheim an der Ruhr – ick oder eck, ab dem Krefelder Ortsteil HĂŒls (Hölsch Plott), jedoch nicht in Traar in Kempen und links und rechts der unteren Rheinschiene von Duisburg (siehe Duisburger Platt) bis Emmerich/Kleve. Auch das Wörtchen „auch“ wird unterschiedlich ausgesprochen, nĂ€mlich als „ook“ im Norden und als „ooch“ im SĂŒden. Auch das Verb „haben“ wird unterschiedlich gesprochen: in HĂŒls sagt man z. B. „we hĂ€bbe“. Weiter sĂŒdlich sagt man „wir hant“.

KleverlÀndisch (NordniederfrÀnkisch) umfasst die linksrheinischen Mundarten im Raum Kleve, Goch, Xanten, Kevelaer, Straelen, Kempen, Moers, Vluyn, Rheinberg sowie die rechtsrheinischen Dialekte von Emmerich bis Duisburg. Jedes Dorf hat seine sprachlichen Besonderheiten.

Niederrheinisches Platt

Begriff „Platt“

Der im Norden und Westen Deutschlands verwendete Begriff Platt fĂŒr die eigene Mundart leitet sich nicht etwa davon ab, dass es auf dem „platten Lande“ gesprochen wird; vielmehr bedeutete das niederfrĂ€nkische „plat“ zwar „flach“, aber auch so viel wie „klar und deutlich“.cite-ref-deineoma-22-0[22]

In einer Delfter Bibel des Jahres 1524 ist vom „platten duytsche“ die Rede. Am Niederrhein gibt es die Redewendungen, jemanden etwas „platt vĂŒr dĂ€ Kopp“ zu sagen (unmissverstĂ€ndlich ins Gesicht zu sagen).cite-ref-deineoma-22-1[22] Da es auch im altfrĂ€nkischen Sprachraum Unterschiede zwischen der „geschliffenen“ Ausdrucksweise der gehobenen StĂ€nde und der „Sprache des gemeinen Volkes“ gab, hieß in diesem Sinne „Platt sprechen“ so viel wie „Klartext reden“.cite-ref-deineoma-22-2[22] Klartext, den jeder Bauer und Handwerker verstand. Platt war demnach die Sprache des gemeinen Volkes schlechthin.

Der Eigenbezeichnung der Mundarten als Platt wie in „Hölsch Plott“, „Krieewelsch Platt“ oder „Kemp'sch Platt“ geht wohl auf „platt“ in der Bedeutung 'direkt, geradeheraus' zurĂŒck. Es gibt den rheinischen Spruch, jemanden etwas „platt fĂŒr dĂ€ Kopp“ zu sagen („unverblĂŒmt und direkt“). Platt ist seit jeher die Sprache des Volkes schlechthin.cite-ref-23[23] Indes bleibt die Abgrenzung des Niederrheinischen vom Niederdeutschen fĂŒr die SprachtrĂ€ger des Niederrheinischen ohne Belang. Sie bezeichnen ihren Dialekt weiterhin als Platt, Plattdeutsch und Niederdeutsch. Die Fehrs-Gilde, die sich fĂŒr den Erhalt der niederdeutschen Sprache einsetzt, rechnet zwar das Niederrheinische noch zum Niederdeutschen, setzt aber ihre TĂ€tigkeit ausschließlich im niederdeutschsprachigen Raum fort (ohne jedoch das NiedersĂ€chsische in den Niederlanden einzuschließen).

Bezeichnungen „NiederfrĂ€nkisch“ und „Niederrheinisch“

Die Bezeichnung „NiederfrĂ€nkisch“ fĂŒr die Mundarten am Niederrhein wird dabei von der Bevölkerung selbst nicht benutzt. Auch selten sagen die Einheimischen, dass sie „Niederrheinisch“ sprechen, sondern eher „Platt“ in Verbindung mit ihrer Ortsbezeichnung.

Gliederung

iese beiden Linien sind Teil des Rheinischen FĂ€chers, einer Sammlung von Isoglossen, die die Sprachgrenzen zwischen den rheinischen Sprachen bzw. Mundarten untereinander und zu den umgebenden SprachrĂ€umen beschreibt.cite-ref-24[24] In diesem Bereich wurde die zweite deutsche Lautverschiebung nur teilweise durchgefĂŒhrt.

Da die Linie nicht den heutigen politischen Grenzen folgt und sowohl DĂŒsseldorf als auch Mönchengladbach durchschneidet, ist sie eine kulturelle Trennungslinie. Sie ist nicht nur eine „Sprachgrenze“, trotz Dialektkontinuum, sondern auch eine „Kulturgrenze“ hinsichtlich Bautechniken und Erbverhalten. Nördlich der Benrather Linie wurden die HĂ€user von der Giebelseite her aufgeschlossen, sĂŒdlich von der Traufseite. SĂŒdlich der Benrather Linie gab es Realteilung, nördlich erbte nur der Ă€lteste Sohn.

In sich ist der Niederrhein durch die Uerdinger Linie, auch wenn sie nur geringfĂŒgige sprachliche Relevanz besitzt, geteilt. Nördlich dieser Sprachlinie sagt man ek bzw. ik an Stelle von ich, sĂŒdlich davon stattdessen esch bzw. isch. Die Uerdinger Linie verlĂ€uft vom belgischen Löwen ĂŒber das niederlĂ€ndische Roermond und Viersen, ĂŒberquert zwischen Krefeld-Uerdingen und Duisburg-MĂŒndelheim den Rhein, verlĂ€uft nördlich von Mintard durchs Ruhrgebiet und trifft bei Wuppertal wieder auf oben genannte Benrather Linie.

Der niederfrĂ€nkische Dialekt zwischen den beiden Linien wird SĂŒdniederfrĂ€nkisch genannt. Der nördlich davon gepflegte niederfrĂ€nkische Dialekt ist das KleverlĂ€ndische. Es bildet mit der sĂŒdniederfrĂ€nkischen Mundart ein Dialektkontinuum.

Innerhalb des Niederrheinischen lassen sich einzelne Dialekte unterscheiden. RĂ€umlich abgegrenzt werden können zwei große Dialekt-Gebiete am Niederrhein:

‱ NordniederfrĂ€nkisch

‱ KleverlĂ€ndisch: am unteren Niederrhein (Kreis Kleve, Kreis Wesel), im Rheinischen Ruhrgebiet (Duisburg) – siehe Duisburger Platt, im nördlichen und westlichen Teil der Stadt Oberhausen, in Teilen des Kreises Viersen (in Kempen), im nördlichen Ortsteil HĂŒls der Stadt Krefeld – (siehe Hölsch Plott)
‱ Ostbergisch

‱ SĂŒdniederfrĂ€nkisch: in Mönchengladbach, dem Kreis Viersen (mit Ausnahme von Kempen und nordwestlich davon, wo NordniederfrĂ€nkisch gesprochen wird), Grefrather Platt in Grefrath; dann Heinsberg, sowie im nördlichen Rhein-Kreis Neuss, im Kreis Mettmann, im grĂ¶ĂŸten Teil von DĂŒsseldorf – siehe DĂŒsseldorfer Platt, in Solingen, Remscheid und in Krefeld (Krieewelsch) – mit der Besonderheit, dass der nördliche Stadtteil HĂŒls jenseits der Uerdinger Linie im NordniederfrĂ€nkischen liegt. In HĂŒls spricht man nicht Krieewelsch, sondern Hölsch Plott und sagt z. B. ek oder ök ‘ich’, im restlichen Krefeld esch oder isch. Das Bergische wird in MĂŒlheim an der Ruhr (Mölmsch), Essen-Werden und unter anderem in den östlichen Teilen des alten Herzogtum Berg gesprochen. Es weist Ähnlichkeiten zu der in den Niederlanden und am Niederrhein verbreiteten Dialektgruppe KleverlĂ€ndisch auf.

In einem engeren Sinne ist Niederrheinisch gleichbedeutend mit KleverlÀndisch.cite-ref-25[25] Verwandt sind zum Beispiel die niederlÀndischen Dialekte von Arnhem, Nijmegen und Venlo.

Nach dem Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland finden sich in Nordrhein-Westfalen folgende Dialektgruppen:cite-ref-leibniz-26-0[26]

‱ zum Niederdeutschen gehörig:

‱ Niederrheinisch (NiederfrĂ€nkisch, sowohl NordniederfrĂ€nkisch als auch SĂŒdniederfrĂ€nkisch, in Deutschland)

‱ zum Westmitteldeutschen gehörig:


‱ Ripuarisch

‱ Niederhessisch (zum Hessischen und mithin RheinfrĂ€nkischen gehörig)

Zuordnung

In Deutschland ist die Zuordnung einer Mundart zu einer bestimmten Region oder Stadt durch regionale Neuordnungen schwieriger geworden, da inzwischen Dialektgrenzen sich quer durch Kommunen ziehen. So verlĂ€uft die Uerdinger ik-ich-Linie jetzt durch das Stadtgebiet von Krefeld und Duisburg und trennt das sĂŒdniederfrĂ€nkische Krieewelsch vom nordniederfrĂ€nkischen Hölsch Plott des Ortsteiles HĂŒls. Das Hölsch Platt gilt, u. a. wegen einiger Merkmale, zum Beispiel der Verwendung von „ek“ (gelegentlich „ök“) anstelle des hochdeutschen Personalpronomens „ich“ als zum kleverlĂ€ndischen innerhalb des Niederrheinischen gehörig. Derartige Beispiele lassen sich auch fĂŒr andere Kommunen auffĂŒhren. Der bedeutende Forscher ĂŒber deutschsprachige Dialekte Georg Wenker:

„Und zwar ist das Platt, das auf der linken Rheinseite von Uerdingen bis abwĂ€rts nach Cleve gesprochen wird, im Großen und Ganzen ein und dasselbe, und es ist von allen deutschen Mundarten diejenige, die dem HollĂ€ndischen am Ă€hnlichsten ist. Wir wollen sie die niederrheinische nennen. ...Wir haben nun schon 2 Mundarten gefunden, 1) das Niederrheinische von Uerdingen rheinabwĂ€rts bis zur hollĂ€ndischen Grenze, 2) [
] Wir haben also drei Hauptmundarten gefunden: 1) das Niederrheinische von Cleve bis Uerdingen, 2) das NiederfrĂ€nkische von Benrath bis Königswinter, 3) das MittelfrĂ€nkische von Sinzig bis sĂŒdlich von der Mosel. Dazwischen liegen zwei Striche mit Mischungsmundarten, von Uerdingen bis Benrath und von Königswinter bis Sinzig, endlich lĂ€uft am Nordostrand ein Streifen mit westfĂ€lischem Platt und im Westen bei Aachen und Eupen sind besondere Mundarten.“cite-ref-27[27]

Das KleverlĂ€ndische kann eindeutig als niederfrĂ€nkische Dialekte eingeordnet werden. Die Benrather Linie trennt die sĂŒdniederfrĂ€nkischen Dialekte vom mitteldeutschen Ripuarischen. Sie werden daher als Übergangsmundarten bezeichnet. Die bergischen Dialekte werden in MĂŒlheim an der Ruhr, Kettwig, Wuppertal-Elberfeld und Umgebung gesprochen. Sie gelten als Übergangsmundarten zwischen dem NiederfrĂ€nkischen und dem WestfĂ€lischen. Als Grenze zum WestfĂ€lischen dient die sich nach Norden abschwĂ€chende Einheitsplurallinie. Östlich von Oberhausen/MĂŒlheim verlĂ€uft die Einheitsplural-Linie, die das SĂŒdniederfrĂ€nkische vom WestfĂ€lischen trennt. Der vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) veröffentlichte Rheinische FĂ€chercite-ref-28[28]cite-ref-29[29] verdeutlicht die Sprachlinien im Rheinland, wie sie sich historisch darstellen. Das LVR-Institut fĂŒr Landeskunde und Regionalgeschichte fĂŒhrt Ostbergisch als eigenstĂ€ndige zum NiederfrĂ€nkischen gehörende deutsche Dialektgruppe auf, die sĂŒdöstlich des KleverlĂ€ndischen, östlich des SĂŒdniederfrĂ€nkischen und westlich des WestfĂ€lischen angesiedelt ist.cite-ref-30[30] Das Ostbergische befindet sich nördlich der Benrather Linie, die es von den ripuarischen Dialekten des Oberbergischen Landes trennt. Ferner befindet es sich östlich der Uerdinger Linie, was es vom SĂŒdniederfrĂ€nkischen trennt. Von den ĂŒbrigen Orts- wie westfĂ€lischen Dialekten ist es durch die ihm östlich benachbarte und sich nach Norden abschwĂ€chende „WestfĂ€lische Linie“ getrennt, was hier seinen Übergangscharakter betont.cite-ref-31[31]cite-ref-32[32] Germanistisch wird die Uerdinger Linie zur Abgrenzung des reinen NiederfrĂ€nkisch und des ripuarisch beeinflussten SĂŒdniederfrĂ€nkischen herangezogen.cite-ref-33[33] Von den sĂŒdkleverlĂ€ndischen Dialekten ist es im Norden durch die ok/ouk-Linie geschieden.cite-ref-34[34] „Mölmsch Platt, der Dialekt um MĂŒlheim an der Ruhr, gehört zu Ostbergisch, einer niederfrĂ€nkischen Mundartgruppe im Bergischen Land.“cite-ref-35[35]

In der Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung, sofern diese noch Dialekt spricht, finden sprachwissenschaftliche Betrachtungen keinen Niederschlag. Man benutzt landlĂ€ufig die Bezeichnung Bergisch oder Platt fĂŒr die eigenen Dialekte.

Wenn die AusspracheabstĂ€nde der Dialekte in Deutschland betrachtet werden, formt das Niederrheinische zusammen mit dem WestmĂŒnsterlĂ€ndischen den geografisch kleinsten der fĂŒnf Haupt-Cluster, und zusammen mit dem Ripuarischen bilden sie ein sprachlich heterogenes Gebiet.cite-ref-niebaummacha-36-1[36]

Die sĂŒdlichen VarietĂ€ten des Niederrheinischen weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem Mitteldeutsch-Ripuarischen auf. Sie befinden sich allesamt zwischen der Benrather und der Uerdinger Linie, die im 15./16. Jahrhundert als sprachliche Ausgleichslinie entstand und Folge der sogenannten Kölner Expansion war. Das bedeutet, dass in den sĂŒdlichen niederrheinischen Dialekten maken statt machen vorherrscht, doch in der 1. Person Singular anstelle des zu erwartenden ik oder ek die scheinbar lautverschobenen Formen ech und ich verwendet werden, die vielerorts /eʃ/ oder /əʃ/ bzw. /iʃ/ ausgesprochen werden. Die EinschrĂ€nkung „scheinbar“, mit dem vorheriges ĂŒber das Personalpronomen 1. Person Singular eingeleitet wurde, ist sprachhistorisch berechtigt, da die in den sĂŒdlichen Dialekten des Niederrheinischen vorkommenden „lautverschobenen Formen“ im Grunde keine darstellen. Sie sind kein Ergebnis der hochdeutschen Lautverschiebung, sondern das Ergebnis sprachlicher Anpassung infolge der Kölner Expansion, d. h., eine Übernahme sĂŒdlicherer Formen.cite-ref-37[37] Jan Goossens zitiert diesbezĂŒglich Theodor Frings, der feststellte, dass das NiederfrĂ€nkische nie k-Promina besessen habe, dass diese Übernahmen aus dem angrenzenden MittelfrĂ€nkischen (Ripuarisch) seien.cite-ref-38[38] Da die Uerdinger Linie weitestgehend einen identischen Verlauf mit den sĂŒdniederfrĂ€nkischen Isoglossen, die mich, dich, zich, oech („euch“) und ouch („auch“) von den flĂ€misch-brabantischen Formen trennen, aufweist,cite-ref-39[39] ist es germanistisch ĂŒblich, diese mit der Uerdinger Linie zusammenzufassen und als IsoglossenbĂŒndel abzuhandeln.

Teile des SĂŒdniederfrĂ€nkischen werden auch als Limburgisch bezeichnet, wobei dieser Begriff in Deutschland weniger ĂŒblich ist und fĂŒr die sĂŒdniederfrĂ€nkischen Dialekte in Belgien und den Niederlanden gebraucht wird.cite-ref-40[40]

Von der Mundart zum Regiolekt

Die sehr stark von der deutschen Hochsprache abweichenden und mit dem NiederlÀndisch verwandten niederrheinischen Dialekte niederfrÀnkischer AusprÀgung wurden nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr von einem Hochdeutsch verdrÀngt, das eine spezielle niederrheinische AusprÀgung erfuhr.

Auch Wörter und Ausspracheeigenarten der mittelfrÀnkischen (ripuarischen) Mundarten, zu denen auch der kölsche Stadtdialekt gehört, sind im Laufe der Zeit in das niederrheinische Mundartgebiet eingedrungen, vor allem bedingt durch die NÀhe zur Stadt Köln und auf Grund des hohen Bekanntheitsgrads der in kölscher Mundart singenden Gruppen wie BAP, Brings, Höhner und BlÀck Fööss.

Heute dient niederrheinisches Platt vielerorts nur noch als Umgangssprache unter Àlteren Menschen. Gepflegt wird die Mundart in Vereinen und Zirkeln, gelehrt wird sie an einigen wenigen Schulen und auf freiwilliger Basis.

Der Sprachforscher und Buchautor Georg Cornelissen hat in seinem Buch „Der Niederrhein und sein Deutsch“ die Entwicklung aufgezeichnet, die immer mehr Menschen vom Gebrauch der Mundart zum Gebrauch des als Rheinischer Regiolekt bezeichneten Niederrhein-Deutsch gefĂŒhrt hat.cite-ref-41[41] Hanns Dieter HĂŒsch, als „schwarzes Schaf vom Niederrhein“ bekannt gewordener Kabarettist, hat in seinen StĂŒcken und Schriften dieses „Niederrhein-Deutsch“ gepflegt, wenngleich er gelegentlich „Grafschafter Platt“ (den Moerser Dialekt) einfließen ließ.cite-ref-42[42]

Typisch fĂŒr dieses Niederrhein-Deutsch ist der Gebrauch bestimmter Satzkonstruktionen, die an das NiederlĂ€ndische erinnern, beispielsweise:

‱ Es geht sich darum, dass
/ es dreht sich darum, dass
 (Platt: et jeht sich dröm, dat
)

(Standarddeutsch: Es geht darum, dass
)

‱ Wem ist das? (Platt: wĂ€m ös dat? wĂ€m hĂŒrt dat tu?)

(Standarddeutsch: Wem gehört das? Wessen Sache ist das?)

Das Niederrhein-Deutsch zeichnet sich weiter aus durch „Vereinfachungen“ in der Aussprache und „Zusammenfassen“ von Wörtern oder Wortbestandteilen zu neuen Begriffen. Auch die Verwechslung von „mir und mich“ (und „dir und dich“) ist typisch Niederrheinisch – im „kölschen“ Ripuarischen kommt das nicht vor.cite-ref-43[43] FĂŒr Plattsprecher ist die „Verwechslung“ kein Fehler, denn das Niederrheinische Platt kennt nur (wie das Englische und NiederlĂ€ndische) die Einheitsform – im Standarddeutschen wĂ€re es falsch.

‱ er ist bei misch gewesen (statt: er ist bei mir gewesen)

Platt: hÀ ös bej mesch jewÀes

‱ sie hat mich nisch geschrieben (statt: sie hat mir nicht geschrieben)

Platt: se hÀtt mech niet jeschrieewe

Weitere Beispiele fĂŒr Regiolekt im Vergleich zu Standarddeutsch und zu Platt – wobei der hier wiedergegebene Lautstand etwa dem Krefelder Gebrauch entspricht – woanders am Niederrhein hört es sich etwas anders an:

‱ Regiolekt: „Hasse wat dann bisse wat dann kannsse wat – kuck ma datte damit weit komms!“

(typisch niederrheinisch wĂ€re auch: „
tumma (tu mal) kucken datte damit weit komms!“)

‱ Standarddeutsch: „Hast du etwas, dann bist du etwas, dann kannst du etwas – schau nur, dass du damit weit kommst!“

(auf Standarddeutsch sehr unpassend wĂ€re: „
tu mal kucken
“)

‱ Platt: „HĂ€sse jet, dann bösse jet, dann kannstde jet – kieck maar datte domöt wiet kömms!“

(Ein Plattsprecher könnte aber auch sagen: „
don maar ens kiecke
/tu nur mal kucken
“)

An diesen Beispielen ist zu erkennen, dass der Regiolektsprecher (der sich nie als solcher bezeichnen wird) sich zwar an der deutschen Standardsprache orientiert – allerdings die Wörter und die Wortkombinationen verĂ€ndert; in Satzbau und Wortstellung folgt er weitgehend der Mundart. Was an den obigen Beispielen nicht zu erkennen ist, ist der Tonfall (der „Singsang“) des Regiolektes, der unterschwellig der Melodie der örtlichen Mundart folgt. Der Tonfall in Kleve ist ein anderer als in DĂŒsseldorf oder Mönchengladbach. Je mehr die Regiolektsprecher zwanglos „unter sich“ sind, je ausgeprĂ€gter wird der Regiolekt benutzt. Sollten Mundartsprecher in der GesprĂ€chsrunde sein, so wird ein Gemisch aus Regiolekt und Mundart dabei herauskommen. Je mehr der Sprecher sich in einer „förmlichen“ Umgebung oder in einer GesprĂ€chsrunde mit Fremden befindet, je weniger ausgeprĂ€gt ist der Regiolekt – Platt wird ganz vermieden, selbst wenn man es könnte – und der am GesprĂ€ch beteiligte Niederrheiner wird eine Sprache benutzen, die er selbst fĂŒr „gepflegtes Hochdeutsch“ hĂ€lt – Regiolekt hin oder Standarddeutsch her.

Siehe auch
Literatur

‱ Georg Cornelissen: Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300–1900): Eine regionale Sprachgeschichte fĂŒr das deutsch-niederlĂ€ndische Grenzgebiet zwischen Arnheim und Krefeld: Met een Nederlandstalige inleiding. Stichting Historie Peel-Maas-Niersgebied, Geldern/Venray 2003, ISBN 90-807292-2-1.
‱ Peter Wiesinger: Strukturgeographische und strukturhistorische Untersuchungen zur Stellung der bergischen Mundarten zwischen Ripuarisch, NiederfrĂ€nkisch und WestfĂ€lisch, in: Peter Wiesinger, herausgegeben von Franz Patocka: Strukturelle historische Dialektologie des Deutschen: Strukturhistorische und strukturgeographische Studien zur Vokalentwicklung deutscher Dialekte, Georg Olms Verlag, Hildesheim / ZĂŒrich / New York, 2017, S. 341–437. Diese Arbeit von Wiesinger wurde ursprĂŒnglich veröffentlicht in: Neuere Forschungen in Linguistik und Philologie. Aus dem Kreise seiner SchĂŒler Ludwig Erich Schmitt zum 65. Geburtstag gewidmet, 1975, S. 17–82.
‱ Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Aspekte der Dialekttheorie. TĂŒbingen 1983.
‱ Paul Eßer: Jenseits der Kopfweiden. Sprache und Literatur am Niederrhein. Grupello Verlag, DĂŒsseldorf 2002, ISBN 3-933749-83-2.
‱ Kurt-Wilhelm Graf Laufs: NiederfrĂ€nkisch-Niederrheinische Grammatik – fĂŒr das Land an Rhein und Maas. Niederrheinisches Institut, Mönchengladbach 1995, ISBN 3-9804360-1-2.
‱ Julius LeithĂ€user: Wörterbuch der Barmer Mundarten nebst dem Abriß der Sprachlehre. [Wuppertal-] Elberfeld, 1929.
‱ Heinrich Neuse: Studien zur niederheinischen Dialektgeographie in den Kreisen Rees, Dinslaken, Hamborn, MĂŒlheim, Duisburg. In: Deutsche Dialektgeographie. Heft VIII, Marburg 1915.
‱ Englisch und Plattdeutsch mit besonderer BerĂŒcksichtigung der Mundarten des RuhrmĂŒndungsgebietes. Graffmann, Duisburg 1914.
‱ Georg Cornelissen: De dialecten in de Duits-Nederlandse Roerstreek – grensdialectologisch bekeken (= Mededelingen van de Vereniging voor Limburgse Dialect- en Naamkunde, Nr. 83). Hasselt 1995; auch in: dbnl.org (18. MĂ€rz 2007).
‱ Georg Cornelissen: Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300-1900) : eine regionale Sprachgeschichte fĂŒr das deutsch-niederlĂ€ndische Grenzgebiet zwischen Arnheim und Krefeld: een Nederlandstalige inleiding. Stichting Historie Peel-Maas-Niersgebied, Geldern/Venray 2003, ISBN 3-933969-37-9.+2
‱ Georg Cornelissen: dat & wat. Der Sprachatlas fĂŒr das Land am Rhein zwischen Emmerich und Eifel. Greven Köln, 2021, ISBN 978-3-7743-0932-6.
‱ Heinz Kloss: Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800. PĂ€dagogischer Verlag Schwann, DĂŒsseldorf 1978, ISBN 3-590-15637-6.
‱ Jan Goossens: Sprachatlas des nördlichen Rheinlands und des sĂŒdöstlichen Niederlands: „FrĂ€nkischer Sprachatlas“. Zweite Lieferung: Textband, N. G. Elwert Verlag, Marburg 1994
‱ Jan Goossens: Strukturelle Sprachgeographie. Eine EinfĂŒhrung in Methodik und Ergebnisse. C. Winter, Heidelberg 1969. (Sprachwissenschaftliche StudienbĂŒcher, Abt. 2). http://d-nb.info/456784438.
‱ Jan Goossens: Areallinguistik. In: Lexikon der germanistischen Linguistik. 2. Auflage. Niemeyer, TĂŒbingen 1980, S. 445–453. ISBN 3-484-10391-4

Weblinks

‱ LVR-Institut fĂŒr Landeskunde und Regionalgeschichte, Landschaftsverband Rheinland: Ostbergisch, Rheinischer FĂ€cher, Dialekte im Rheinland
‱ Sprechende Sprachkarte des LVR-Instituts fĂŒr Landeskunde und Regionalgeschichte (interaktive Karte mit Sprachaufnahmen aus dem Rheinland)
‱ Mölmsch – Mundart in MĂŒlheim an der Ruhr
‱ Mundart in Krefeld

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Pembe ƞahiner: Zur Rolle und Funktion der Sprache im Film „Solino“ (2002) von Fatih Akın. section Zum Ruhrdeutschen. In: Deniz Bayrak, Enis Dinç, YĂŒksel Ekinci, Sarah Reininghaus (Hrsg.): Der deutsch-tĂŒrkische Film: Neue kulturwissenschaftliche Perspektiven. S. 274.
cite-note-22. ↑ Georg Cornelissen: Meine Oma spricht noch Platt: Wo bleibt der Dialekt im Rheinland? Greven Verlag, Köln, Kapitel Benrather Linie: Die „frĂ€nkischen“ Dialekte am Rhein und ihre Gliederung. S. 40–41 (einschließlich Karte mit „Ostbergisch“)
cite-note-33. ↑ Theodor Frings, Gotthard Lechner: NiederlĂ€ndisch und Niederdeutsch. Berlin 1966, S. 21 ff.
cite-note-44. ↑ Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch. 2007, S. 11–14.
cite-note-51. Karte in Anlehnung an: P.A. Kerkhof: Language, law and loanwords in early medieval Gaul: language contact and studies in Gallo-Romance phonology. Leiden 2018, S. 24 und H. Ryckeboer: Het Nederlands in Noord-Frankrijk. Sociolinguïstische, dialectologische en contactlinguïstische aspecten. Gent 1997, S. 183–194.
cite-note-62. Cowan, H.K.J: Tijdschrift voor Nederlandse Taal- en Letterkunde. Jahrgang 71. E.J. Brill, Leiden, 1953, S. 166–186. Anmerkung: Die Linie ist nicht gleich an der spĂ€teren Benratherlinie, weil diese erst im Hochmittelalter ihre aktuelle Position erreicht hat.
cite-note-77. ↑ H. F. Döbler: Die Germanen – Legende und Wirklichkeit. Verlag Heyne MĂŒnchen 1975, ISBN 3-453-00753-0, Rubrik Franken, S. 197 ff.
cite-note-88. ↑ Ulrich Nonn: Die Franken. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-017814-4, S. 15 ff.
cite-note-99. ↑ Jan Goossens: Sprachatlas des nördlichen Rheinlands und sĂŒdöstlichen Niederlands. „FrĂ€nkischer Sprachatlas“. Zweite Lieferung Textband, S. 16.
cite-note-atlas-1010. ↑ Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins. Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4, ISBN 3-89355-200-6, S. 66.
cite-note-1111. ↑ Arend Mihm: Sprache und Geschichte am unteren Niederrhein. In: Niederdeutsches Jahrbuch. Band 115, 1992, S. 88–122.
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cite-note-2323. ↑ Georg Cornelissen: Meine Oma spricht noch Platt. Verlag Greven, Köln 2008, ISBN 978-3-7743-0417-8, S. 27 ff.
cite-note-2424. ↑ Johannes Venema: Zum Stand der zweiten Lautverschiebung im Rheinland: Diatopische, diachrone und diastratische Untersuchungen am Beispiel der dentalen Tenuis (voralthochdeutsch /t/). Franz Steiner Verlag, 1997, S. 10–12 (Google-Leseprobe).
cite-note-2525. ↑ Peter Wiesinger: Strukturgeographische und strukturhistorische Untersuchungen zur Stellung der bergischen Mundarten zwischen Ripuarisch, NiederfrĂ€nkisch und WestfĂ€lisch. In: Peter Wiesinger, herausgegeben von Franz Patocka: Strukturelle historische Dialektologie des Deutschen: Strukturhistorische und strukturgeographische Studien zur Vokalentwicklung deutscher Dialekte. Georg Olms Verlag, Hildesheim / ZĂŒrich / New York 2017, S. 341–437, hier S. 351 f. (vgl. auch S. 346). Diese Arbeit von Wiesinger wurde ursprĂŒnglich veröffentlicht in: Neuere Forschungen in Linguistik und Philologie. Aus dem Kreise seiner SchĂŒler Ludwig Erich Schmitt zum 65. Geburtstag gewidmet. 1975, S. 17–82.
cite-note-leibniz-2626. ↑ Karl-Heinz Bausch: Die deutsche Sprache – eine Dialektlandschaft. (PDF) In: nationalatlas.de – Portal fĂŒr Atlanten und Atlaskartographie. Leibniz-Institut fĂŒr Völkerkunde, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 19. Juli 2011; abgerufen am 14. Februar 2018 (Band 6.). , mit einer Karte „SprachrĂ€ume und mundartliche GroßrĂ€ume nach einer Befragung um 1900“ mit dem Hinweis „redaktionell bearbeitet nach dem dtv-Atlas zur deutschen Sprache“
cite-note-2727. ↑ Georg Wenker: Das rheinische Platt, 2. Auflage., im Selbstverlag des Verfassers, DĂŒsseldorf 1877, S. 11, 12 und 15f.
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cite-note-3030. ↑ LVR: Dialekte im Rheinland, Dialektkarte, abgerufen am 5. Juni 2022.
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cite-note-3232. ↑ REDE: WA 526 „mĂ€hen“, Karten ID 66, und WA 146 „auch“, Karten ID 139, Überlagerungstendenz 50 %, abgerufen am: 5. November 2023.
cite-note-3333. ↑ Wilhelm Welter: Die NiederfrĂ€nkischen Mundarten im Nordosten der Provinz LĂŒttich, Neuauflage der Auflage von 1933, Springer-Science+Media, B. V., ISBN 978-94-011-8346-8, S. 28.
cite-note-3434. ↑ REDE: WA 146 „auch“, Karten ID 139, und WA 137 „auch“, Karten ID 140, abgerufen: 5. November 2023.
cite-note-3535. ↑ Hartmut Ronge: Langenscheidt Sprachkalender 2023: Dialekte. Langenscheidt bei PONS, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-12-563533-3.
cite-note-niebaummacha-3636. Hermann Niebaum, JĂŒrgen Macha: EinfĂŒhrung in die Dialektologie des Deutschen (= Germanistische Arbeitshefte, Band 37). 2. Aufl., Max Niemeyer Verlag, TĂŒbingen 2006, S. 96–98.
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cite-note-3838. ↑ Jan Goossens: Sprachatlas des nördlichen Rheinlands und des sĂŒdöstlichen Niederlands – „FrĂ€nkischer Sprachatlas“. 2. Lieferung – Textband, N. G. Elwert Verlag, Marburg 1994, ISBN 3-7708-1034-1.
cite-note-3939. ↑ Jan Goossens: Sprachatlas des nördlichen Rheinlands und des sĂŒdöstlichen Niederlands – „FrĂ€nkischer Sprachatlas“. 2. Lieferung – Textband, N. G. Elwert Verlag, Marburg 1994, ISBN 3-7708-1034-1.
cite-note-4040. ↑ Jan Goossens: Die Gliederung des SĂŒdniederfrĂ€nkischen. In: Rheinische VierteljahrsblĂ€tter. Jahrgang 30, 1965, S. 79–94, hier S. 79: „‚SĂŒdniederfrĂ€nkisch‘ nennt man [
] die Mundarten, die [
]. Der niederlĂ€ndisch-flĂ€mische Teil dieses Gebietes ist unter dem Namen ‚Limburgisch‘ bekannt [
].“
cite-note-4141. ↑ Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch. 2007, S. 11 ff.
cite-note-4242. ↑ Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch. 2007, S. 132.
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